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April 03, 2026 6 min lesen.

Vielleicht habt Ihr mitbekommen, dass unsere Kollegen Joris, Johannes und ich (David) die zweite Februarhälfte in Guatemala und El Salvador unterwegs waren. Unser Ziel war es zuvorderst, unsere Kenntnis über Kaffeeproduktion - und die Länder, in denen sie stattfindet - zu erweitern, aber auch in der Pflege bestehender und dem Aufbau neuer Kontakte. Vor Ort konnten wir mehrere Farmen und Aufbereitungsstationen besuchen. Das Timing unserer Reise war ziemlich ideal - wir sind am Ende der Erntezeit angekommen und konnten so den kompletten Ablauf von der Ernte, übers Aufbereiten bis hin zur Exportvorbereitung aus nächster Nähe beobachten. Für mich persönlich resultiert diese Reise aus verschiedensten Gründen in einem einschneidenden Perspektivwechsel. Doch was meine ich damit genau? 

Nun, es sind die Ecken und Kanten eines ganzen narrativen Blocks, die mit einem detaillierten Blick in die globalen Realitäten geschliffen werden; aber das ist eben auch genau der Punkt, an dem solidarisches Denken vorbereitet wird - in den Details, die sich zunächst unbemerkt an den Bildrand schieben, um klammheimlich zur Norm zu werden. Als Foucaulttreuer Ex-Literaturwissenschaftler bin ich natürlich der festen Überzeugung, dass Macht in Diskursen gefestigt wird; aber man kann diese Logik natürlich auch von der anderen Perspektive lesen: Machtstrukturen können durch Sprache aufgebrochen werden. Im politischen Rahmen wird das deutlich: Es wundert beispielsweise nicht, dass autoritäre Regimes in der Regel streng zensieren.Es ist ein Konvolut von Gründen, Abwägungen, Reflexion und Gedanken, die fortwährend für mich mitschwingen, wenn ich mich mit meiner eigenen Perspektive auf die Welt des Kaffees auseinandersetzte, besonders beim zurückliegenden Origin Trip. Daher gilt, es diese Überlegungen für mich immer mitzudenken, die gleichfalls auch nur aus den Bedingungen meiner Erschließung der Welt stammen können, weshalb es zur Einordnung lohnend sein kann, diese an euch weiterzugeben. 

Aber man muss das gar nicht so arg akademisch halten, denn wir haben noch auf dem Rückflug unser erstes Takeaway aus unserer Reise formuliert: Kaffeeproduktion ist, das haben wir vor Ort gesehen, nicht das Werk einer einzelnen Person. An jedem Punkt der Produktion sind unzählige Menschen beteiligt, die alle harte körperliche Arbeit leisten, die sich mit viel Sachverstand und Erfahrung einbringen, um die Arbeitsschritte so durchzuführen, dass sie schlussendlich zum gemeinsamen Ziel beitragen - und das ist recht klar formuliert: es soll so viel Kaffee wie möglich in so guter Qualität wie möglich produziert werden. Das geht nur, wenn jeder Handgriff verlässlich sitzt. Deshalb werden wir künftig noch stärker drauf achten, unsere Kaffees nach den Farmen zu benennen, auf denen sie produziert werden - und nicht mehr nach Einzelpersonen. Es klingt erstmal trivial, aber was wir hier eigentlich tun wollen, ist, dass wir den Gemeinschaftsgedanken auf den Farmen, so wie wir ihn wahrgenommen haben, als Selbstverständlichkeit kommunizieren.

Was unser Trip außerdem war? Eine schmerzhafte Erinnerung daran, dass Klimawandel ein handfestes globales Problem darstellt. Ich will ganz ehrlich sein - ich habe Klimawandel bislang erst mal als (reale, um hier ganz klar zu sein) Drohkulisse wahrgenommen. Klar wurden die Jahreszeiten im Laufe meines Lebens immer ein bisschen weniger zuverlässig und lästig, aber erstmal auch nicht weiter gefährlich. Ganz anders sieht es da in Gegenden aus, in denen eine sensible Kulturpflanze wie Kaffee eine bedeutende Rolle im gesellschaftlich-wirtschaftlichen Leben spielt. Der Wechsel zwischen Regen- und Trockenzeit ist von massiver Bedeutung; nicht nur, weil sich daran Kultivierungstechniken orientieren. Gedüngt werden sollte tunlichst vor dem Regen, geerntet danach. Bleibt der Regen aus, kommt er zu früh, kommt er zu spät - all das sind massive Einschnitte in einen zeitkritischen Arbeitsablauf. Und da ist dann noch nicht einmal die Rede von steigenden Temperaturen, die natürlich - das sollte nun wirklich kein Geheimnis mehr sein - katastrophale Auswirkungen auf Ökosysteme haben können. 

Jetzt ist es nicht so, dass ProduzentInnen schicksalsergeben auf den Tag warten, an dem das Wetter unkontrollierbar geworden ist - im Gegenteil. Auf Herausforderungen dieser Art reagieren KaffeeproduzentInnen mit einer erstaunlichen Adaptivität. In einer Nursery haben wir beobachtet, wie sensorisch außerordentlich spannende Arabica-Varietäten auf robusteres Canephora-Wurzelwerk aufgepfropft wurden. Der Vorteil liegt auf der Hand - die Robusta-Wurzel versorgt die Pflanze mit mehr Nährstoffen, verfängt auch besser im Boden - man wehrt sich gegen Korrosion oder Überwässerung. Natürlich werden auch die Ernterhythmen angepasst, es wird mit verschiedenen Varietäten experimentiert. Die Hartnäckigkeit und Kreativität, mit der KaffeeproduzentInnen sich gegen solch einschneidende Problemlagen wehren, ist beeindruckend. Dass sie in der Situation sind, es tun zu müssen, ist die eigentliche Katastrophe. 

Und wie sieht es mit Fragen sozialer Gerechtigkeit aus? Das ist ein Aspekt, den zu beurteilen ich mir ehrlich gestanden schwer tue. Ich bin Kind einer spezifischen Gesellschaft, spezifischer Wertekontexte. Das richtige Maß zwischen Eurozentrismus und Kulturrelativismus zu finden, fällt mir schwer; gerade weil das Thema aus meiner persönlichen Perspektive, geschult und geprägt durch (west-)deutsche sozialwissenschaftliche Diskurse in einem Akademiker-Elternhaus der Post-68er Generation, augenscheinlich ist. Zunächst einmal ist auffällig, dass Nachhaltigkeit vor Ort durchaus ein Thema ist - die Frage nach Transparenz aber scheinbar ein KonsumentInnen-Thema ist. Den ProduzentInnen, die wir getroffen haben geht es nun nicht um Sichtbarkeit - sondern um ein verlässliches, möglichst gutes Einkommen. Natürlich gibt es Ausnahmen, aber das haben wir als Normalität wahrgenommen; sei es durch direkte Aussagen, aber auch durch das Randfällige. Es ist in der Regel zweitrangig, ob ein Lot als Competition Kaffee Sichtbarkeit en masse erhält, oder als Field Blend in einem Container landet, der dann spot verkauft wird - Hauptsache der Cash Flow stimmt. Ich halte das für eine sinnvolle, weil verlässliche und messbare Größe - natürlich auch, weil ich direkten Einblick in die Lieferketten habe, und eben auch weiß, dass die Verteilung passt. Das bedeutet aber nicht, dass das Thema Transparenz dadurch für uns weniger wichtig wird - es ist ja vor allem die Überzeugung, dass wir durch Transparenz unseren Beitrag dazu leisten, dass die Lieferkette global gesehen verständlicher wird, greifbarer, und dass darin dann eben auch ein Mehrwert liegt. Die Effekte dieses Mehrwerts fließen als Mehreinnahmen zurück, die inhaltliche Einordnung und Ausdeutung aber, die obliegt uns. Transparentes Handeln ist kein Dienst an den ProduzentInnen - sondern ein aktiver Beitrag zu einer Verbesserung. 

Wirklich diffus wurde es, wenn es um Begriffe wie Freiheit und, eng damit verbunden, Sicherheit geht. Vorneweg: wir hatten zu keinem Zeitpunkt Sicherheitsbedenken - sind aber natürlich auch in aller Regel in ortskundiger Begleitung gewesen. Doch bereits in Guatemala gab es Momente, die etwas beklemmend waren; etwa der Security-Guard einer Hotelanlage, der auf den Wegen mit einer Pumpgun im Anschlag patrouillierte. Nachts waren einzelne Schüsse zu hören; weiter weg, wir konnten nicht herausfinden, was die Ursache oder der Ausgang waren, das Leben am nächsten Morgen lief weiter wie jeden Tag. Die Fragen auf unserer Seite bleiben, sagen aber vermutlich mehr über uns aus als über Guatemala. 

Richtig offensichtlich wurde es in El Salvador. Dem autoritär handelnden Landespräsidenten Nayib Bukele gelang es in seiner ersten Amtszeit, die Mordrate des Landes - zu Beginn seiner Legislatur eine der höchsten weltweit - um mehr als 80% zu reduzieren. Das klingt erstmal nach einem beeindruckenden Wert, aber solche Effekte treten in der Regel nicht ohne Weiteres so ein. Um diese Werte zu erreichen, wurde ein Ausnahmezustand ausgerufen, ein hochmoderner Gefängniskomplex mit Platz für 40.000 Häftlinge errichtet, Prozessordnungen für gigantische Massenprozesse entwickelt, eine komplette Stadt durchs Militär belagert, um eine Großrazzia durchzuführen. Eine Tageszeitung wurde, nachdem sie Bukele zu Beginn seiner Amtszeit der Zusammenarbeit mit Banden beschuldigte, mit Geldwäscheverfahren überzogen - und von anderen Importeuren haben wir gehört, dass El Salvadorianer derzeit ungern politisches Ansprechen, sobald auch nur ein Smartphone im Raum ist. Und parallel dazu übersteigt die Zahl verschwundener Personen die Zahl der Ermordeten - Verschwundene werden aber anders erfasst. Wie belastbar derzeit also die Rate ist, darüber hegen Menschenrechtsorganisationen gewisse Zweifel. El Salvador ist derzeit politisch auf einem bedenklichen Weg - so meine Interpretation.

Der springende Punkt liegt aber nicht darin, nun auf Krampf eine Deutung über das politische Wohlbefinden anderer Nationen zu führen - ganz im Gegenteil. Die Aufgabe liegt vermutlich darin, solche Spannungen in einer Art und Weise aufzulösen, die die beiden oben genannten Pole Eurozentrismus und Kulturrelativismus vermeidet - wir müssen verstehen, was wir aushalten müssen. Vielleicht beginnt das mit der Verdeutlichung über den Umstand, dass eine globale Lieferkette die Welt nicht per se besser machen wird. Niemand entlang der Lieferkette braucht Besucher von Konsumentenländern um Origins zu validieren oder gar zu retten. Und damit ist dann auch relativ klar, was unsere Verantwortung in dieser Kette ist: wir müssen fair bezahlen. Alles Weitere geht uns erstmal nichts an. Einzig die Transparenz, Abbildung und Teilhabe daran sowie dem sich immer weiterentwickelnden Selbstverständnis unsererseits können wir darüber hinaus an euch weitergeben und euch auf einen Dialog einladen.